Kann Künstliche Intelligenz depressive Rückfälle früher erkennen? Teilnehmende für Studie zu wiederkehrender Depression gesucht

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Magdeburger ORAKEL-Studie sucht Menschen mit wiederkehrender Depression für Forschungsprojekt zur Früherkennung von Krankheitsschüben.

Die Stimme wird leiser, Antworten kommen verzögert, der Blickkontakt nimmt ab: Oft kündigt sich ein Rückfall bei Depressionen schon früh durch kleine Veränderungen an. Viele Betroffene bemerken diese Signale selbst nicht und auch im kurzen Arztgespräch bleiben sie zunächst häufig unentdeckt. Genau hier setzt die ORAKEL-Studie unter der Leitung der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Magdeburg an. Das interdisziplinäre Team untersucht, ob moderne KI-Systeme solche Warnzeichen frühzeitig erkennen können. Ziel ist es, depressive Rückfälle schneller zu erkennen und Behandlungen rechtzeitig anzupassen. Für die Studie werden aktuell Menschen mit wiederkehrenden Depressionen gesucht.

Depressive Erkrankungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit. Besonders problematisch ist die hohe Rückfallquote: Rund jede zweite betroffene Person erlebt innerhalb von zwei Jahren erneut eine depressive Phase. Für Sachsen-Anhalt ist das Thema besonders relevant. Gerade in Sachsen-Anhalt, wo psychiatrische Facharzttermine rar sind und Wege weit sein können, ist eine engmaschige Betreuung besonders schwierig.

„Viele Rückfälle entwickeln sich schleichend“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Johann Steiner. „Wir möchten herausfinden, ob KI dabei helfen kann, frühe Warnsignale sichtbar zu machen, noch bevor Betroffene erneut schwer erkranken.“

KI analysiert Stimme, Mimik und Körpersprache

Im Mittelpunkt der Studie stehen Video- und Audioaufnahmen von Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Die Forschenden analysieren dabei unter anderem Sprechtempo, Stimmlage, Mimik, Blickkontakt und Körperhaltung. Auch Veränderungen von Atmung und Herzfrequenz werden untersucht – kontaktlos per Videoaufnahme.

Die Daten werden mithilfe sogenannter Deep-Learning-Modelle ausgewertet. Dabei handelt es sich um KI-Systeme, die Muster in großen Datenmengen erkennen können. Langfristig sollen die entwickelten Technologien Ärztinnen und Ärzte im klinischen Alltag unterstützen – etwa durch digitale Hinweise auf mögliche Verschlechterungen.

„Die KI soll keine ärztliche Entscheidung ersetzen“, betont der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. „Sie könnte aber helfen, kritische Veränderungen früher zu erkennen und schneller zu reagieren.“

Teilnehmende werden ein Jahr begleitet

Gesucht werden Menschen zwischen 18 und 65 Jahren, die sich aktuell in einer depressiven Episode befinden und bereits früher depressive Phasen erlebt haben. Die Teilnehmenden kommen über einen Zeitraum von rund einem Jahr zu sechs Untersuchungsterminen nach Magdeburg.

Bei den Terminen finden ärztliche Gespräche, psychologische Befragungen sowie Bild- und Tonaufnahmen statt. Die Teilnehmenden werden dabei über ein ganzes Jahr regelmäßig ärztlich und psychologisch untersucht und in der psychiatrischen Ambulanz der Universitätsklinik mitbetreut. Die reguläre Behandlung bleibt unverändert, es handelt sich nicht um eine Medikamentenstudie. Für jeden Termin erhalten die Teilnehmenden eine Aufwandsentschädigung von 15 Euro.

Die Studie ist als Beobachtungsstudie angelegt. Das bedeutet: Die Forschenden greifen nicht aktiv in die Behandlung ein, sondern beobachten den Krankheitsverlauf über längere Zeit. Insgesamt sollen rund 120 Personen teilnehmen. Bislang konnten bereits rund 30 Personen in die Studie eingeschlossen werden.

Der Datenschutz spielt eine zentrale Rolle. Die Daten werden pseudonymisiert gespeichert, also ohne dass Rückschlüsse auf die Person möglich wären. Die Gesprächsinhalte selbst werden nicht ausgewertet. Stattdessen analysiert die KI ausschließlich sprachliche und visuelle Merkmale wie Sprechtempo, Stimmlage oder Bewegungen. Die Studie wurde von der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät geprüft und genehmigt. Die Teilnahme ist freiwillig und kann jederzeit ohne Nachteile beendet werden.

Forschung zwischen Medizin und KI

Langfristig könnte die Forschung dazu beitragen, Rückfälle früher zu erkennen und Therapien individueller anzupassen. Neben der Rückfallprävention sehen die Forschenden weiteres Potenzial: Intelligente Assistenzsysteme könnten langfristig helfen, medizinisches Personal zu entlasten und die psychiatrische Versorgung insbesondere in strukturschwächeren Regionen zu verbessern. Gleichzeitig weisen die Forschenden darauf hin, dass KI-Systeme sorgfältig geprüft werden müssen, bevor solche Systeme in Arztpraxen oder Kliniken eingesetzt werden.

Die Studie ORAKEL („Bessere Rückfall-Vorhersage bei depressiven Störungen durch Detektion von Frühwarnzeichen mittels KI“) erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Neuro-Informationstechnik (NIT) der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und wird im Programm Sachsen-Anhalt WISSENSCHAFT – Forschung und Innovation (EFRE) der Förderperiode 2021–2027 gefördert. Die Förderung erfolgt kofinanziert aus Mitteln der Europäischen Union.

Informationen unter www.orakel-magdeburg.de

Kontakt für Studieninteressierte:

Studienteam ORAKEL, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Magdeburg, Tel.: 0391 67-14241, E-Mail: moritz.neveling@med.ovgu.de/nadji.sayedtaha@med.ovgu.de

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Dr. med. habil. Johann Steiner, Stellvertretender Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Telefon: +49-391-67-15019, johann.steiner@med.ovgu.de

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