Magdeburg. In einem interdisziplinären Behandlungskonzept haben Ärztinnen und Ärzte der Universitätsklinik für Neurochirurgie, der Universitätsklinik für Plastische und Handchirurgie sowie der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie erfolgreich einen außerordentlich großen, gutartigen Tumor des Ischiasnervs entfernt. Der Eingriff erfolgte in mehreren aufeinander abgestimmten Operationsschritten.
Langjährige Leidensgeschichte
Die 38-jährige Patientin aus Nordrhein-Westfalen litt über viele Jahre unter zunehmenden Schmerzen im linken Bein. Erste Schmerzen traten bereits vor rund 15 Jahren auf, teils begleitet von Lähmungserscheinungen im Fuß. Im weiteren Verlauf verschlimmerten sich die Symptome deutlich: Die Patientin konnte nachts kaum noch schlafen, entwickelte ausgeprägte neuropathische Schmerzen und war in ihrer Lebensqualität erheblich eingeschränkt.
Vor etwa fünf Jahren konnte die Ursache – ein ausgedehnter Tumor des linken Ischiasnervs – im MRT festgestellt werden. Es begann die bundesweite Vorstellung in zahlreichen Kliniken, darunter mehreren Universitätskliniken, wobei der Tumor aufgrund seiner Größe zuletzt als inoperabel eingestuft wurde.
Der Weg in die Universitätsmedizin Magdeburg
Die Patientin nahm zunächst Kontakt mit der Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin in Magdeburg auf, um sich über alternative Tumortherapien zu informieren. Nach eingehender Sichtung der vorliegenden Befunde zeigte sich jedoch, dass in diesem Fall ein chirurgisches Vorgehen erforderlich sei. Daraufhin wurde sie in die Universitätsklinik für Neurochirurgie weitergeleitet.
Unter der Leitung des behandelnden Arztes, Privatdozent Dr. Klaus-Peter Stein von der Universitätsklinik für Neurochirurgie, entwickelte ein interdisziplinäres Team eine individuell abgestimmte Behandlungsstrategie. Dem Team gehörten unter anderem Prof. Dr. Armin Kraus, kommissarischer Leiter der Universitätsklinik für Plastische, Ästhetische und Handchirurgie mit besonderer Expertise in Eingriffen an peripheren Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark, Dr. Mihailo Andrić, Leiter der kolorektalen Chirurgie und Experte für peritoneale Malignome an der Universitätsklinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie, sowie Dr. Jessica Stockheim, Fachärztin derselben Klinik, an.
Der Fall wurde zuvor im interdisziplinären Tumorboard ausführlich beraten.
Mehrstufiges operatives Vorgehen
Aufgrund der enormen Ausdehnung des Tumors – er erstreckte sich über die Gesäß- und Oberschenkelmuskulatur bis in das Becken – entschieden sich die Expertinnen und Experten für ein mehrstufiges Vorgehen.
Im November 2025 erfolgte der erste Operationsabschnitt in zwei aufeinanderfolgenden Eingriffen. Diese beiden Operationen wurden von Privatdozent Dr. Stein und Prof. Dr. Armin Kraus durchgeführt. Dabei wurde der Tumor zunächst aus der Gesäß- und Oberschenkelmuskulatur entfernt. Die Eingriffe waren für die Patientin sehr belastend und erforderten eine langwierige Mobilisierungsphase.
Nach einer Rehabilitationsphase wurde im zweiten Schritt der verbliebene Resttumor entfernt. Für diesen Eingriff vervollständigten Dr. Andrić und Dr. Stockheim das Behandlungsteam. Die letzte Operation fand vor wenigen Tagen statt und markiert den erfolgreichen Abschluss der chirurgischen Therapie.
Erfolgreicher Verlauf und Ausblick
Die Patientin befindet sich aktuell in der postoperativen Erholungsphase. Erste klinische Einschätzungen zeigen eine deutliche Verbesserung der Schmerzsymptomatik. Sie hofft, nach Abheilung der Narben auch die Schmerzmedikation deutlich reduzieren zu können. Einzelne funktionelle Einschränkungen, etwa im Bereich des Fußes, können jedoch bestehen bleiben. Ihre Lebensqualität wird sich hingegen erwartbar verbessern.
„Dieser Fall zeigt eindrucksvoll, welchen Unterschied die enge Zusammenarbeit verschiedener chirurgischer Fachbereiche machen kann – insbesondere bei komplexen und seltenen Befunden, die andernorts als nicht operabel gelten“, betont Privatdozent Dr. Klaus-Peter Stein, behandelnder Arzt.
Da es sich um einen gutartigen Tumor handelt, ist zunächst keine weitere Therapie erforderlich. Die Patientin erfährt im Weiteren eine engmaschige Nachsorge mit regelmäßigen MRT-Kontrollen.
Interdisziplinäre Spitzenmedizin
Der Eingriff unterstreicht die Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit innerhalb eines Onkologischen Zentrums: Für die komplexen chirurgischen Zugänge waren Kenntnisse aus allen Bereichen der Chirurgie erforderlich. Ebenso spielten die postoperative intensivmedizinische und schmerztherapeutische Betreuung wie auch das spezialisierte Angebot des Neuroonkologischen Zentrums eine zentrale Rolle für den Behandlungserfolg.
„Solch anspruchsvolle Operationen können nur in einem Haus durchgeführt werden, das über die entsprechende Infrastruktur, umfassende fachliche Expertise und den Geist einer fachübergreifenden Zusammenarbeit verfügt“, so Privatdozent Dr. Stein.
Mit diesem Fall setzt das Team ein starkes Zeichen für individualisierte Therapiekonzepte auch bei seltenen und zunächst aussichtslos erscheinenden Erkrankungen.
Die Patientin freut sich, nach den Sommerferien wieder in ihren Beruf zurückzukehren und schrittweise in ihren Alltag und ihr Familienleben zurückzufinden.
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Foto: (v. l.): Dr. Mihailo Andrić, Leiter der kolorektalen Chirurgie und Experte für peritoneale Malignome an der Universitätsklinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie Magdeburg, Dr. Jessica Stockheim, Fachärztin derselben Klinik, die Patientin S.V., Prof. Dr. Armin Kraus, kommissarischer Leiter der Universitätsklinik für Plastische, Ästhetische und Handchirurgie, sowie Privatdozent Dr. Klaus-Peter Stein von der Universitätsklinik für Neurochirurgie Magdeburg – gemeinsam mit der erfolgreich behandelten Patientin.
(C) Fotografin: Sarah Kossmann/UMMD
