Wie roch ein Krankenhaus früher? Magdeburger Forschung sucht Antworten aus 200 Jahren

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Neues Forschungsprojekt untersucht, wie Gerüche Medizin, Moral und Gesellschaft geprägt haben – Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gesucht.

Magdeburg. Wie roch ein Krankenhaus zwischen 1800 und 2025 und was sagt das über die Medizin von damals aus? Dieser Frage geht ein aktuelles Forschungsprojekt an der Universitätsmedizin Magdeburg nach. Die Medizinhistorikerin Dr. phil. Monja K. Schünemann untersucht in ihrer Habilitation die „Geruchsgeschichte der Klinik“ von 1800 bis heute. Ziel ist es, besser zu verstehen, wie Gerüche das Denken und Handeln in der Medizin beeinflusst haben – und bis heute beeinflussen.

Wenn Gerüche über gut und schlecht entscheiden

Gerüche sind flüchtig und lassen sich nicht speichern wie Bilder oder Texte. Trotzdem spielen sie seit jeher eine wichtige Rolle: Früher glaubten viele Menschen, dass Krankheiten durch schlechte Luft entstehen. Diese sogenannte „Miasmenlehre“ prägte die Medizin über lange Zeit. Gleichzeitig wurden Gerüche oft mit moralischen Vorstellungen verknüpft – etwa mit der Idee, dass „schlechte“ Menschen auch schlecht riechen und deshalb krank werden würden.

Die Forschung zeigt: Solche Vorstellungen sind nicht einfach verschwunden. Sie haben sich teilweise bis heute gehalten und beeinflussen noch immer, wie Menschen in der Medizin wahrgenommen und behandelt werden.

„Gerüche wurden nie nur neutral wahrgenommen. Sie waren immer auch mit Gefühlen, Vorurteilen und gesellschaftlichen Normen verbunden“, sagt Dr. Schünemann. „Das kann Auswirkungen darauf haben, wie Patientinnen und Patienten behandelt werden.“

Warum Pflege anders riecht als Medizin?

Ein zentrales Thema der Untersuchung ist die Frage, warum bestimmte Gerüche mit bestimmten Berufen verbunden werden. Pflege wird häufig mit unangenehmen Gerüchen wie Körperausscheidungen assoziiert, während ärztliche Arbeit als „sauber“ gilt.

Die Forschungen gehen der Frage nach, wie solche Unterschiede entstanden sind und welche Rolle soziale Faktoren spielen – etwa Herkunft, Geschlecht oder gesundheitliche Einschränkungen. Auch wird untersucht, ob es so etwas wie einen typischen „Klinikgeruch“ gibt und wie dieser über die Zeit entstanden ist.

Ein weiterer Fokus liegt auf der sogenannten „Geruchsdiagnose“: Früher versuchten Ärztinnen und Ärzte, Krankheiten am Geruch zu erkennen. Heute spielt das offiziell kaum noch eine Rolle – dennoch könnten Reste dieses Wissens weiterhin unbewusst wirken, so Dr. Schünemann.

Zeitzeugen gesucht: Erinnerungen aus der DDR und anderen Zeiten

Für die Zeit ab etwa 1950 reichen schriftliche Quellen allein nicht mehr aus. Deshalb werden gezielt Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gesucht, die von ihren Erfahrungen berichten können, zum Beispiel aus Krankenhäusern, Lazaretten (aus ganz Deutschland, der Schweiz sowie Österreich vor und nach der Wende) oder speziellen Einrichtungen in der DDR.

Besonders wichtig sind Berichte aus sogenannten geschlossenen Einrichtungen, in denen junge Frauen unter Zwang untergebracht wurden. Dort herrschten teils extreme Bedingungen, etwa mangelnde Hygiene oder der Einsatz chemischer Mittel.

Um möglichst viele Menschen zu erreichen, setzt das Projekt auf offene Wissenschaft („Open Science“): Informationen werden öffentlich zugänglich gemacht und Bürgerinnen und Bürger können sich aktiv einbringen. Neben einer Webseite werden auch Flyer verteilt, um insbesondere ältere Menschen ohne Internetzugang anzusprechen.

Die Ergebnisse sollen helfen, den Umgang mit Patientinnen und Patienten in der Medizin besser zu verstehen und langfristig zu verbessern. Denn auch heute können unbewusste Vorurteile eine Rolle spielen – etwa, wenn bestimmte Gerüche mit negativen Eigenschaften verbunden werden.

Weitere Informationen unter https://get.med.ovgu.de/geruchsgeschichte.html

Foto: Portrait Dr. phil. Monja K. Schünemann, (C) Fotografin: Melitta Schubert